Mintgrün: Krimi in Kölner Friseursalon als Ebook
Heuschnupfen und Rasiermesser beim Friseur: das wird blutig
Marlies Schmitz führt einen Friseursalon in Köln-Niehl. Das Geschäft läuft nicht gut. Immerhin hat sie einen Kunden, der sich bei ihr einmal die Woche die Haare schneiden lässt: Rosintzky. Dumm nur, dass Marlies an Heuschnupfen leidet. Und genau als Rosintzky sich von ihr den Nacken mit dem Rasiermesser freischneiden lässt, zuckt ihre Hand. In Sekundenschnelle ist Rosintzky verblutet. Wohin mit der Leiche? Marlies versucht mit Hilfe ihrer Tochter den Ex-Kunden irgendwie loszuwerden.
Was Marlies nicht wusste: Es gibt einen Grund, warum ihre Tochter niemals im Salon war, wenn Rosintzky auftauchte. Und als sie nach dem perfekten Ort zur Ablage der Leiche suchen, stellen sie fest: Es gibt eine Reihe weiterer Personen, die noch eine Rechnung mit Rosintzky offen hatten.
Mintgrün: Ein Friseursalon in dieser Farbe war immer schon der Traum von Marlies. Der Krimi ist eine bitterböse Geschichte über Machos, vor der Pleite stehende Unternehmerinnen, verlassene Ehemänner und starke Frauen, die ihr Leben endlich in die eigene Hand nehmen. Denn Friseurinnen können nicht nur Haare abschneiden.
Leseprobe 1: Es wurde grün
Bereits zwei Wochen zuvor hatte der Frühling begonnen, den Winter aus Köln zu vertreiben. Kaum musste man sich nicht mehr mit einem dicken Haarpelz oder einer Mütze vor der Kälte schützen, hatten die ersten Menschen damit begonnen, sich die Haare vom Kopf scheren zu lassen.
So waren auch mehrere Kunden an diesem Tag in den Friseursalon Schmitz in Niehl hinein geschneit und hatten sich ihre Ohren freischneiden lassen. Marlies Schmitz, die Inhaberin des nach ihr benannten Salons, freute sich über das gute Geschäft des Tages. Denn so gut besucht war ihr Salon nicht immer. Eigentlich hatte der Salon eine gute Lage auf der Sebastianstraße in Niehl. Gut, es war der Teil der Straße, der aus dem Viertel herausführte, ein wenig abgelegen vielleicht, aber doch auf der Hauptstraße des Veedels und damit am Puls des Lebens. Doch seitdem der Supermarkt schräg gegenüber dicht gemacht und Ford Stellen gestrichen hatte, war die Zahl der Kunden spürbar geringer geworden. Es gab Tage, an denen hatte Marlies schon am Mittag alle Zeitschriften durchgelesen, die ihr der Lesezirkel einmal die Woche bringen ließ.
Man sah es ihrem Salon an, dass die Geschäfte nicht mehr ganz so gut gingen. Als sie rund ein Jahrzehnt zuvor den Laden übernommen hatte, war die Einrichtung schon nicht mehr ganz in Mode. Nun war sie komplett aus der Zeit gefallen. Selbst einen Retro-Charme konnte Marlies ihrer eigenen Ausstattung nicht mehr abgewinnen. Viele Hölzer waren in dunklem Braun gefärbt, was dem Salon den Hauch eines nebligen Charmes gab. Aber das Holz war nicht mehr neu, hatte Trockenrisse bekommen, der Lack war an vielen Stellen abgeschabt oder einfach vom Alter und der Sonne ausgebleicht. Die Theke hatte ihren Glanz verloren und Spuren der Hände hatten sich in ihr Holz eingegraben. Die Regale, der Raumteiler, die Tische und die Spiegel an der Wand... überall waren die Ecken abgeschlagen. Die Ledersessel hatten sich unter Tausenden von Hintern abgenutzt, das Leder selber war zerknittert und hatte ein feines Spinnennetz aus Rissen. Wenn die Kunden in die Spiegel blickten, dann erschien ihr Ebenbild sauber,
aber das Glas milchig wie ein verschwommenes Auge. Wo Marlies in ihrem eigenen Salon auch hinblickte, es hätte einer grundlegenden Renovierung bedurft. Aber dazu hätte sie Geld gebraucht, das sie nicht hatte.
Wenigstens hatte sie eine Handvoll Stammkunden, die ein wenig Geld in ihre Kassen spülten, damit sie nicht verhungern musste. Einer davon war Herr Rosintzky. Seit wie vielen Jahren kam er eigentlich zu Marlies in den Salon? Sie wusste es nicht mehr. Es war auf jeden Fall eine lange Zeit. Und so kam er immer an einem Mittwoch Nachmittag um vier Uhr, um seine gepflegten Haare noch weiter pflegen zu lassen.
Marlies legte letzte Hand an die Haare von Rosintzky. Ein graues Haar hier, ein Härchen über dem Ohr, den Nacken vom Flaum befreit... Marlies hatte sich auf den Besuch von Rosintzky vorbereitet. Sie trug eine hochgeschlossene Bluse. Im Spiegel konnte sie ja genau sehen, wo er seine Augen hatte. Nun richtete sie sich auf, pendelte mit zwei Fingern den Kopf von Rosintzky genau senkrecht aus und kämmte die obersten Haare nach oben. Sie legte die Schere auf dem Rollwagen ab. Mit einer geübten Bewegung nahm sie das Rasiermesser in die Hand, drehte die sehr scharfe Klinge aus dem Schaft, ohne die Augen darauf zu richten. Sie setzte die Klinge vorsichtig an Rosintzkys Nacken an und rasierte den feinen Flaum aus. Zum Abschluss nahm sie den Spiegel und präsentierte Rosintzky den Anblick seines Hinterkopfes.
„Die Grauen sind alle weg, Herr Rosintzky“, sagte Marlies. „Sind Sie zufrieden?“
„Wie immer, Frau Schmitz!“ antwortete Rosintzky.
Marlies nahm eine Tube Gel in die Hand, goss einen ordentlichen Tropfen davon in eine Handfläche. Sie rieb das Gel zwischen beiden Händen, was er sehr genau beobachtete. An was er dabei vielleicht gerade dachte, wollte sie in keinem Fall wissen. Mit den Handflächen rieb sie Rosintzky das Gel ins Haar, modellierte mit den Fingerspitzen ein paar Strähnen. Zum Abschluss ihrer Arbeit zog sie den ausgebleichten Umhang von Rosintzky ab. Ein paar Haare fielen zu Boden. Rosintzky stand auf und ging mit Marlies zur Theke. Sie tippte einen Betrag in die Kasse ein.
„Das macht dann 17 Euro, wie üblich“, sagte Marlies.
Rosintzky legte einen Schein mit 20 Euro auf die Theke.
„Zwei Euro zurück, bitte“, sagte er. „Was macht eigentlich ihr hübsches Töchterchen?“
Marlies öffnete die Kasse und gab das Wechselgeld zurück. Viel Geld war nicht drin.
„Sie hat gerade ihre Prüfung hinter sich“, antwortete Marlies. „Ab und zu hilft Melanie mir, wenn es besonders dicke kommt.“
„Vielleicht sehe ich die Dame ja beim nächsten Mal.“
„Wieder in einer Woche?“
Herr Rosintzky nickte Marlies zu. Sie schlug den Terminkalender auf und blätterte eine Woche weiter. Schrieb seinen Namen in den Kalender. Nur ein anderer Namen war an dem Tag bereits eingetragen.
„Ist notiert“, gab sie zur Antwort. „Einen schönen Abend noch.“
„Ihnen auch“, nickte Rosintzky ihr zu. „Und schöne Grüße an Ihre Tochter.“
Herr Rosintzky ging Richtung Eingangstür. Im Spiegel vor der Tür prüfte er ausgiebig die Frisur und zupfte ein paar gegelte Strähnen beiseite. Erst dann ging er durch die Tür. Das Glockenspiel an der Eingangstür ertönte. Ein paar der Glocken waren bereits so angerostet, dass sie keinen klaren Klang mehr zustande brachten.
Marlies seufzte. Als Rosintzky aus dem Blickwinkel des Schaufensters verschwunden war, machte sie mehrere Knöpfe ihrer Bluse auf, stellte sich vor den Spiegel und zupfte den Sitz des Stoffs über ihrer Brust zurecht, um nicht noch mehr ins Schwitzen zu geraten. Sie ging wieder hinter die Theke, blätterte den Terminkalender auf den aktuellen Tag. Sie ging die Liste des Tages durch, strich Rosintzky aus. Unter ihm fand sich kein weiterer Name.
Leseprobe 2: Tödliche Scheidung
Die Glocke an der Eingangstür ging erneut. Ein neuer Kunde? Marlies blickte zur Tür und setzte ihr kundenspezifisches Lächeln auf. Sie änderte es dann in ihr Lächeln über Neues. Der Bote des Lesezirkels kam mit einem neuen Packen bedrucktem Papier.
„Die Zeitschriften vom letzten Monat“, erklärte der Bote. „Wo soll ich sie hinlegen?“
„Lassen Sie gleich mal hier“, sagte Marlies und klopfte auf die Theke.
Der Bote legte die Zeitschriften vor Marlies ab und holte ein elektronisches Gerät aus einer Tasche. Marlies schrieb ihren Namen auf das Display.
„Danke“, sagte der Bote und steckte das Schreibgerät wieder ein. „Sie entsorgen die Zeitschriften dann?“
„Wie üblich.“
Marlies winkte dem Boten kurz nach. Sie nahm den Stapel Zeitschriften und ging damit zu der Sitzgruppe im rückwärtigen Teil des Salon. Auf dem Tisch dort lagen weitere alte Zeitschriften, deren Schutzumschläge schon arg ramponiert aussahen, nach den ganzen Arztpraxen, in denen man sie schon gelesen hatte. In einem Regal lagen Heftromane mit Kriminalgeschichten. Marlies legte die Illustrierten auf dem Tisch zwischen Sofa und Sesseln ab.
Das Radio lief den ganzen Tag auf dem lokalen Sender. Eine Werbung endete. Marlies hörte die ersten Takte von Major Tom. Sie drehte Tom Schilling lauter auf, tanzte die paar Schritte vom Regal mit dem Radio zum Sofa.
Auch die Sitzgruppe hatte ihre besten Jahre lange hinter sich. Das Leder war abgewetzt und hatte ebenso wie die Sessel im Salon feine Risse. Mitten auf dem Sofa blickten blanke Stellen der Polsterung durch, was Marlies mit ein paar Kissen zu kaschieren versuchte. Der Zustand des Leders war nicht der einzige Grund, warum die Sitzgruppe hinten im Salon stand. Die Chefin des Salon Schmitz verbrachte ihre Nächte auf dem ausklappbaren Sofa.
Marlies setzte sich auf den Teil des Sofas, unter dem die Polsterung noch am besten intakt war. Sie schob die alten Zeitschriften beiseite und nahm eine Frauenzeitschrift aus dem Stapel der neuen Gebrauchten. Flüchtig blätterte sie ein paar Seiten durch, sah sich die aktuellen Trends für die Frisurenmode in diesem Frühjahr an, blätterte dann weiter bis sie zu einem Kurzkrimi gelangte. Sie las den Titel und die ersten Zeilen des Krimis.
„Tödliche Scheidung“, sagte sie zu sich. „Schöner Titel! Heb' ich mir für den langweiligen Abend auf.“
Sie legte die Zeitschrift ins Regal an der Wand zu den anderen Ausgaben mit den Kurzkrimis aus dem wahren Leben einer Hausfrau. In den anderen Fächern des Regals stand eine Armee von Kriminalromanen, die Marlies in den letzten Jahren durchgelesen hatte. Nicht die neuesten Ausgaben und nicht die ersten Plätze der Bestsellerlisten, sondern eher Exemplare früherer Jahre und solche mit Mängeln, aber eine Sammlung menschlicher Lust am Morden.
Die Chefin des Salon Schmitz setzte sich auf das Sofa und schlug eine Zeitschrift für Innenarchitektur mit den neuesten Ideen für das Frühjahr auf. Sie blätterte recht lustlos durch die Bilder. Aber plötzlich blieb sie auf einer Doppelseite hängen. Der Fotograf hatte ein Ladenlokal abgelichtet, das eine Innenarchitektin komplett in einem frischen Grün durchgestylt hatte. In Mintgrün, genau wie es der Titel des Artikels suggerierte. Marlies verschwand gleichsam in den Bildern, zeigten sie doch einen Wirklichkeit gewordenen Traum, den sie seit langem hegte. Sie nahm das Heft quer, hielt es vor die Ansicht des eigenen Salons. Vor ihren Augen erschienen Bilder von frisch mintgrün gestrichenen Wänden, frischen Spiegeln und neuen Sesseln im modernen Design, der Traum eines neuen Salon Schmitz geisterte durch ihren Kopf. Ein lustvolles Stöhnen entrang sich ihrer Brust.
Auf der anderen Seite des Salons klingelte das heisere Glockenspiel. Marlies schreckte hoch und lief zur Theke. Jetzt noch eine späte Kundin? Als sie ihre Tochter Melanie sah, legte sich ihre Aufregung. Mutter und Tochter begrüßen sich mit einem Küsschen.
„Und, war viel los heute?“ fragte Melanie.
„Hätte besser sein können“, zuckte ihre Mutter mit den Schultern. „Der letzte Kunde ist gerade raus. Rosintzky.“
„Na gut, dass ich dem nicht begegnet bin!“
Marlies griff die Zeitschrift mit der Arbeit der Innenarchitektin und zeigte Melanie die Bilder des Ladenlokals.
„Hier, sieh dir das mal an“, sagte sie dann. „Alles in Mintgrün. So könnte das hier auch aussehen.“
„Ach, Mama. Du träumst schon wieder.“
Melanie machte einen enttäuschten Gesichtsausdruck. Sie ging zu einem der Plätze für Kunden, drückte auf einen Lichtschalter. Das Licht rund um den Spiegel blieb dunkel.
„Schon wieder kaputt“, fluchte Melanie. „Soll ich Kevin Bescheid sagen? Er müsste bald Feierabend machen.“
„Ich kann ihn nicht bezahlen“, seufzte Marlies.
Melanie sagte nichts, warf ihrer Mutter einen bitteren Blick zu. Dann nahm sie ihr Handy ans Ohr.
Leseprobe 3: Der merkwürdige Mann vor dem Salon Schmitz
Marlies ging in die Kaffeeküche des Salons und füllte die Gießkanne auf. Instinktiv nahm sie den Schlüsselbund in die Hand, denn sie wollte sich nicht ausschließen. Mit leiser Stimme redete sie mit dem Efeu, der neben ihrem Schaufenster auf dem Bürgersteig in die Höhe rankte. Goss ein paar Schwall Wasser in den Topf, den man vielleicht als antik bezeichnen konnte, der nach ein paar Umzügen aber dem endgültigen Zerbrechen sehr nahe war. Die andere Seite des Schaufensters begrünte eine Ranke, die Sonne hatte ein paar Knospen zum Vorschein gebracht, ein paar braune Blätter störten den grünen Anblick. Ein Grün, das ihr fast so leuchtend und frisch erschien wie der mintgrüne Salon in der Zeitschrift.
Marlies war so vertieft in die Pflege ihrer Ranke, dass sie den Mann nicht bemerkte, der vor dem Café drei Häuser weiter einen Kaffee getrunken hatte. Er hatte schnell gezahlt, als Rosintzky den Salon verlassen hatte. Nun stand er unschlüssig neben dem Schaufenster. Marlies erschrak ein wenig, als sie ihn sah. Instinktiv griff sie nach dem Schlüsselbund, doch ihr richtig scharfes Rasiermesser wäre nun die bessere Waffe gewesen, um sich zu verteidigen.
„Kann ich etwas für Sie tun?“ fragte sie mit gespielter Selbstsicherheit in der Stimme.
Der Mann zögerte einen Augenblick. Zeit genug für Marlies, ein paar tiefere Blicke auf den Mann zu werfen. Er mochte in ihrem Alter sein, gepflegtes Äußeres, Anzug vom Herrenausstatter und eine seidene Krawatte. Nicht die Klientel, die man bei einem Überfall als Täter hat und die sie aus ihren Krimis kannte, auch nicht selbstsicher genug wie einer dieser Schutzgelderpresser von der Mafia. Auf dem Kopf hatte er nicht mehr viel Haarwuchs, was ihn als Kunde nicht interessant erscheinen ließ.
„Nein, nein...“ stotterte der Mann, „ich war nur... ich war auf der Suche nach jemandem.“
Er drehte sich um und entfernte sich schnellen Schrittes in Richtung der Bank. Marlies sah ihm kurz nach, schüttelte dann ihre Locken und zupfte ein paar trockene Blätter von der Ranke. Mit einer Handvoll vertrocknetem Grün und einer leeren Gießkanne ging sie zurück in den Laden.
Leseprobe 4: Gut durchgebraten neben dem Bahndamm
Eine laue Sommernacht lag über Köln. Fast den ganzen Tag über hatte die Sonne auf die Stadt geschienen. Genauso wie sich die Bienen und die Kaninchen nach der Zeit der Kälte, des Hungerns und des Sterbens auf die Suche nach neuem, frischen Gras machten, so waren die Menschen aus den geheizten Wohnungen und Büros gestürmt. Sie hatten sich in die Sonne gelegt, hatten sich am Rhein mit dem ersten Eis des Jahres ans Ufer gesetzt. Manche hatten sich auch ein Kölsch unter freiem Himmel gegönnt.
So auch Timo und Igor. Die beiden Kollegen waren nach dem harten Alltag bei ihrem Buchhalter in die Altstadt gefahren, hatten am Rheinufer ein paar Kölsch gekippt und waren im Irish Pub versackt. Sie hatten zwar ein paar Frauen angebaggert, dabei aber eine Ladung Körbe kassiert.
Nun saßen beide in der letzten Bahn der Linie 12 Richtung Niehl, um nach Hause zu fahren. Natürlich waren die Erlebnisse der letzten Stunden wichtiges Thema zwischen beiden. Sie konnten laut reden, sie störten Niemanden, denn seit die Bahn aus Nippes heraus war, hatten sie die den letzten Waggon für sich alleine. Durch das gekippte Fenster oberhalb ihrer Sitzgruppe strich ein leichter Fahrtwind über ihre Haare.
„Die Kellnerin“, lallte Timo, „hast du die gesehen?“
Er machte mit beiden Händen eine Bewegung unterhalb der vom Bier geformten Wölbungen an seiner Brust.
„Alles Silikon“, lallte Igor. „Die hat sich bestimmt aufblasen lassen.“
„Blasen, jawoll!“ lachte Timo dreckig auf.
Der Fahrer der Bahn am anderen Ende des Zuges bekam von der intellektuell hochstehenden Unterhaltung der beiden Kollegen nichts mit. Im Gegensatz zu vielen Fahrgästen war er nicht nur stocknüchtern, er fuhr auch sehr konzentriert. Denn der Zug der KVB verließ nun den zivilisierten Bereich in Longerich und bog vor einer blau leuchtenden Tankstelle in Richtung Niehl ab. Hier führte die Strecke durch ein Waldstück, in dem die Scheinwerfer der Bahn die einzige Lichtquelle waren. Und auch diese hatten Mühe, die Schatten der Bäume und Sträucher rechts und links des Einschnittes für die Bahn aufzuhellen. Der Fahrer wusste, dass er hier genau hinsehen sollte. Denn manch ein Verzweifelter warf sich hier gerne vor die Bahn.
Instinktiv wandte der Fahrer den Kopf zur Seite. Das Licht seiner Scheinwerfer streifte etwas, das wie ein Mann neben den Gleisen aussah. Er nahm Tempo weg, erwartete wieder einen dieser Selbstmörder vor seinen Rädern. Aber der Mann neben den Gleisen blieb stehen, schien sich nicht vor seine Bahn werfen zu wollen. Er schien einen Blaumann zu tragen, mit ein paar glitzernden Streifen, so wie die Kollegen von der KVB. Zudem hatte er eine Lampe in der Hand. Damit leuchtete er auf zwei Gegenstände neben dem Gleis.
Gerade in den Moment, als der Fahrer an dem Mann mit der Taschenlampe vorbeifuhr, als er schon wieder Strom auf die Motoren geben wollte, sah er die beiden Gegenstände genauer, auf die der Mann leuchtete. Der Fahrer brauchte kaum einen Wimpernschlag, um zu erkennen, um was es sich dabei handelte.
Mit einer Vollbremsung brachte der Fahrer die Bahn nach kaum einer Wagenlänge zum Stillstand. Er zögerte einen Moment. Dann griff er in eine Klappe an der Seite neben seinem Armaturenbrett, nahm eine Taschenlampe heraus und ging aus dem Führerhaus. Wohl in seiner Brust war ihm dabei nicht. Lieber hätte er noch eine Waffe oder wenigstens einen Knüppel in der Hand gewusst.
Igor flog krachend mit seinem Schädel gegen Timos Brust. Benommen richtete er sich auf, kratzte sich an der Stelle des Kopfs, die gegen die Jacke seines Kollegen geschlagen hatte.
„Was ist das denn für ein Penner!“ brüllte Igor. „Den werde ich verklagen.“
Timo wollte etwas sagen, sah aus dem Fenster. Er konnte den Fahrer sehen, der gerade an der Bahn entlang ging und den Damm neben dem Gleiskörper ableuchtete. Im ersten Aufleuchten des Lichtstrahls sah er, auf was der Fahrer leuchtete. Er drehte den Kopf zum Gang hin und verteilte die letzten Frikadellen und das Guinness aus dem Pub auf dem Boden der Bahn. Igor stammelte nur noch, als er den Anblick direkt vor dem Fenster sah. Er war mit einem Schlag stocknüchtern.
Der Fahrer leuchtete kurz auf die beiden leblosen Gestalten, die seltsam verkrümmt neben der Bahn lagen. Ein Geruch von einem viel zu lange auf dem Grill gegartem Braten stieg ihm in die Nase und verscheuchte jeglichen Gedanken an eine späte Mahlzeit an der Endhaltestelle. Dann leuchtete er dem Mann ins Gesicht, der wenige Meter neben den beiden Toten stand. Der Blick des fremden Mannes löste sich nicht von den beiden Gestalten neben den Gleisen.
„Was machen Sie hier?“ fragte der Fahrer mit leicht unsicherer Stimme.
„Die... Die haben mich gerade angerufen“, stotterte Kevin. „Die Kabeldiebe... Ich glaube, wir haben einen davon.“
Der Fahrer hatte keinen blassen Schimmer, mit was für einem Kranken er es gerade zu tun hatte.
„Wer hat Sie angerufen?“ fragte er misstrauisch.
„Die Leitstelle“, antwortete Kevin ein wenig gefasster und löste den Blick von den Leichen, blickte den Fahrer an. „Ihre Kollegen. Da hat wieder einer versucht, das Kabel aus dem Trafo zu reißen.“
Der Fahrer richtete den Lichtstrahl seiner Taschenlampe auf den Transformator neben dem Bahndamm. Die Tür war aufgebrochen. Ein Kabel hing heraus. Er verlor sein Misstrauen ein wenig.
Kevin leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Mann, der näher zu ihm lag. Der Mann trug ein Jackett. Sein Hals zeigte eine riesige Wunde. Über allem lag der Geruch von angebranntem Fleisch, so als habe ein halbes Schwein viel zu lange auf dem Grill gelegen.
„Rufen Sie die Leitstelle an“, seufzte Kevin. Dann nannte er den Namen des Mannes vor seinen Füßen. Er hieß Rosintzky.
Bibliographische Angaben
Autor: Thomas Berscheid
Preis: 8,99 € inkl. Mehrwertsteuer
Anzahl Seiten: 130
Genre: Krimi
Erscheinungsdatum: 23. April 2024
Typ: E-Book
ISBN 10: 3759213472
ISBN 13: 9783759213471
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